Nazis!, durchgerutscht

Was eine Vertreterin der Münchener guten Gesellschaft über Manuscriptum denkt. Und wie gern sich der SWR am Pirinçci-Boykott beteiligt haben würde

von Andreas Lombard

Kürzlich habe ich mit einem Münchener Freund telefoniert, der in der bayerischen Hauptstadt ein öffentliches Amt bekleidet. Er berichtete, dass ein Gespräch, das er am Vortag mit einer Dame der guten Gesellschaft geführt, zufällig den Autor Akif Pirinçci und das Buchhaus Manuscriptum gestreift habe, bei welcher Gelegenheit die durchaus gebildete Dame den nicht gerade tischfeinen Satz ausstieß, das sei doch dieser »Nazi-Verlag«!?

Nazi-Verlag, urteilt also die gute Gesellschaft. München. Was so geredet wird. Wir wissen nun Bescheid. Am besten, wir distanzieren uns von uns selber und machen den Laden zu. Mein Münchener Freund intervenierte loyalerweise und sagte, was er sagen musste. Zugleich begann die Dame, ihr Smartphone zu konsultieren und ihr dahingeplappertes Vorurteil zu überprüfen – ergebnisoffen allerdings. Man verabredete sich, das Gespräch bei Gelegenheit fortzusetzen.

So geht das also. Ein Autor verliert der Fassung, und der einzige Verlag, der darob nicht ebenfalls die Fassung verliert, wird  der größten geistig-politisch-moralischen Sünde der Menschheitsgeschichte geziehen, die man trotz allem, was Pirinçci  so getönt hat, nicht einmal dem landauf, landab boykottierten Autor nachweisen kann. Was noch vor kurzem allem Gedruckten vom Provinzkäseblatt bis zum Hauptstadtjournal zugestanden wurde – dass die Redaktion nicht automatisch  die Meinung ihrer Autoren vertrete –, das gilt nicht mehr,  was potzblitz dem gehobenen Pöbel die Mühe erspart, hinzugucken, zuzuhören und mitzulesen. Bis heute gibt es nicht eine einzige ernstzunehmende Rezension von Pirinçcis neuem Buch ….

Von einem ähnlichen Fall berichtet Michael Klonovsky auf seinem Blog acta diurna:

Fortschreitender 24. November 2015

Heute erreichte mich ein besonders erschütterndes Zeugnis vom helldeutschen Abwehrkampf gegen die Zombies von Düstergestern. Ich hatte unlängst an dieser Stelle festgehalten, dass bei der Ausstrahlung des Filmes ›Die Tür‹ nach einem Roman von Akif Pirincci eine mutige Engagiertenhand den Namen des Autors der Buchvorlage aus der ARD-Programmvorschau getilgt hatte. Nun haben sich indes ein oder mehrere Zuseher beim Sender darüber beschwert, sei’s aus revolutionärer Wachsamkeit, sei’s böswillig-ironievortäuschend, dass dieser belastete Film überhaupt ausgestrahlt wurde. Er (bzw. sie) erhielt(en) folgende zivilcouragierte Replik:

»Vielen Dank für Ihre Zuschrift zu unserem gestrigen Spielfilm ›Die Tür‹. Geplant war dieser Film als Teil einer kleinen Filmreihe zu Ehren des 50. Geburtstags des dänischen Schauspielers Mads Mikkelsen. Zum Zeitpunkt dieser Planung war der Name des Autors des zugrunde liegenden Romans zwar streitbar, aber nicht unhaltbar, deshalb wurde ›Die Tür‹ in die Planung aufgenommen.

Sie haben aber völlig Recht, dass wir nach den inzwischen eingetretenen Entwicklungen und dem völlig berechtigten Boykott seiner Werke (Hervorhebung von mir – M.K.) von einer Ausstrahlung hätten absehen sollen. Dies ist uns schlicht durchgerutscht, und ich entschuldige mich als Spielfilm-Planer hierfür. Sie können aber versichert sein, dass der Film als Spielfilmlizenz bereits eingekauft und abgegolten ist, d.h. es entstanden dem Autor durch unsere Ausstrahlung keinerlei finanzielle Vorteile (Hervorhebung neuerlich von mir – M.K.).

Und ich werde auch die Spielfilm-Kollegen der anderen ARD-Sender darauf aufmerksam machen, falls jemandem nicht bewusst ist, dass dieser Film die Adaption eines Werkes von Herrn Pirincci ist.

Nochmals Entschuldigung und vielen Dank für die kritische Begleitung unseres Programms, 
mit freundlichen Grüßen …«

Es folgt der Name eines »Redakteurs Spielfilm – Planung für SWR, 3sat, EinsPlus SWR«, mit dem ich dieses von dergleichen hohen Namen bereits hinreichend geschmückte Diarium nicht noch extra aufhübschen will. Ich nehme freilich an, die Schlussformel ist dem Helden auch bloß durchgerutscht, die mental und habituell passendere kommt bekanntlich mit zwei Wörtern und einem Ausrufungszeichen aus.