Sozialer Tod in sieben Tagen

Eine kleine Zusammenfassung der Ereignisse – und ein Ausblick

Gut eine Woche ist es nun her, daß der Autor Akif Pirinçci seine verhängnisvolle Rede auf der Pegida-Veranstaltung in Dresden hielt. Was ist seitdem passiert? Es ist nicht leicht, die sich überschlagenden Ereignisse zu rekapitulieren. Nach der Rede, zu der nicht alles, und vor allem wenig Wahres gesagt worden ist, dies aber dafür von jedem, begann es wie üblich mit kreischender Medienhysterie.

Die Etagen-Gouvernanten aus den Funk-, Fernseh-, Print- und Internetgossen des Journalismus begnügten sich jedoch nicht mit dem tatsächlichen Inhalt der Rede, nein, sie verdrehten, entstellten, und, wenn dies nicht reichte, erfanden sie einfach frei. In den kopffeuchten Kieler Nachrichten schrieb Klaus Wallbaum, daß ein rechtsextremer Autor die Wiedereinrichtung von Konzentrationslagern gefordert habe, während die Leipziger Volkszeitung in ihrer Printausgabe vom 21. Oktober den Namen dieses Autors hinzufügte. Wir müssen nicht rätseln, um wessen Namen es sich dabei handelt. Bei Zeit online wußte man, daß Pirinçci, der »vulgäre Held der Neuen Rechten und Linkenhasser«, bedauere, daß KZs nicht in Betrieb seien. Beim NDR wurde getrötet, Pirinçci beziehe seine KZ-Aussage auf Flüchtlinge und Steven Geyer von der Frankfurter Rundschau verlautbarte, Pirinçci bedauere angesichts der Flüchtlingskrise, daß die Konzentrationslager geschlossen seien. Dirk Müller vom WDR machte es sich ganz einfach und behauptete, Pirinçci würde zum Massenmord aufrufen. Die Hamburger Morgenpost gab ihn dann auch titelbildlich zum Abschuß frei. Die Liste dieser Entstellungen ließe sich endlos fortsetzen.

Was ist das? Schlampige Recherche, Rufmord, Rachegelüste oder blanker Hass, der sich hier in Worte gießt? Wir dürfen nicht vergessen, daß Deutschlands Medienwelt sich von niemandem so beleidigt fühlte wie von Akif Pirinçci im Frühjahr 2014, als sein Buch Deutschland von Sinnen erschien. Das Buch verstieß gegen alles, was deutsche Politiker und Journalisten sich in jahrelanger Heimarbeit an bestmenschlichen Moralwimpeln umgehängt hatten: Gegen die Lehrsätze von der Unterdrückung der Minderheiten und der Entrechtung der Frau, den bösen Deutschen und dem guten Migranten. Und dann kam es auch noch von einem, der so leicht nicht anzugreifen war. Die Journaille stand Kopf und viele ihrer Vertreter hängen seitdem immer noch in der Luft, nicht wissend, was ihnen geschehen ist. Wir denken zum Beispiel gerne an die Zeit zurück, die so verzweifelt war, daß sie sogar ihre Leser besuchte. Jene Leser, die man sich sonst lieber mit schlechten Artikeln vom Leibe halten will, was dem Vernehmen nach auch gelingt. Vorausgegangen war ein legendärer Beitrag, in dem Deutschland von Sinnen mit Mein Kampf verglichen wurde. Der Hass gegenüber Pirinçci saß seitdem jedenfalls tief, und man wartete sehnsüchtig auf den Tag, an dem man ihm mit gleicher Münze würde heimzahlen können. Diesen Tag haben wir nun erlebt.

Natürlich beschränkte sich dieser Furor nicht allein auf Pirinçci, sehr bald kam man auch auf sein neues Buch Die große Verschwulung und somit auf uns. Noch bevor irgend jemand das Werk gelesen hatte, sprach Knut Cordsen in einem Radiobeitrag auf Bayern 2 davon, daß das Erscheinen dieses Buchs ein Skandal sei. Das Fanal zur vorauseilenden Zensur war damit gezündet. Heute, knapp sieben Tage später, ist diese Zensur ohne Richterspruch Wirklichkeit geworden. Wir erwähnten den Boykott durch Buchgroßhändler, Ladenketten und Amazon. Es findet sich auch in jedem Kaff noch eine mutige Buchhändlerin, die willig in das Mikrofon irgendeines dahergelaufenen Lokaljournalisten flötet: »Akif Pirintschi? Das geht ja gar nicht! « Nur schade, daß beim Großteil dieser Gutbuchhandlungen selbst Goethe, Kleist oder Kafka nicht gehen.

Für die meisten Kunden ist das Buch also, wenn überhaupt, nur schwer zu bekommen. Und das gilt auch für fast alle anderen Werke Akif Pirinçcis. Der Handel hat damit den unmündigen Käufern die Entscheidung abgenommen und das Werk de facto indiziert. Amazon ist machtvollkommener als jeder absolutistische Herrscher. Früher waren vielleicht die Kleider des Kaisers unsichtbar, heute ist es der Kaiser selbst. Unsichtbar und unsprechbar. Das ist gefährlich. Für jeden. Jean Paul schrieb, daß es das Vorrecht der Spezialinquisition sei, »Du« zu sagen. Heute sagt die Spezialinquisition »Du nicht«, und das ist vernichtend.  Akif Pirinçci steht vor den Trümmern seiner Existenz. Nach fast vier Jahrzehnten eines Schriftstellerlebens existieren seine Bücher nicht mehr. Viele werden sich damit beruhigen können, daß er das nach einer solchen Entgleisung verdient habe. Wir dürfen aber davon ausgehen, daß in Zukunft weit weniger dazu ausreicht, vollständig ausgelöscht zu werden, sogar aus der Erinnerung.

Uns findet man hingegen weiterhin dort, wo wir sind und wo wir zu bleiben gedenken. Und dort wird man auch weiterhin Akif Pirinçcis Bücher finden.