So lustig kann die Wiedereröffnung von Auschwitz sein

Der 1976 geborene Komiker und Autor Oliver Polak hat am 31. August dieses Jahres in der Tageszeitung Die Welt ein spaßiges Textle veröffentlicht, in dem er vorschlug, Neonazis in die Gaskammer zu schicken, um sie dort – Glück gehabt! – mit Helene Fischers »Atemlos« zu beschallen, wobei Herr Polak so großzügig war, ihnen nicht alles antun zu wollen, worauf er Lust zu haben scheint: »Auf sie zu urinieren würde keinen Sinn machen, das fänden sie noch geil.« Herr Polak hat jedenfalls noch im Sommer genau jene Phantasie unbeanstandeterweise vor der Lesern der Welt ausgebreitet, die Akif Pirinçci gewissen deutschen Tugendwächtern keinesfalls hätte unterstellen dürfen. Überschrift der Welt: »Lasst uns Auschwitz wieder eröffnen!« Michael Klonovsky schreibt dazu auf seinem Blog Acta diurna:

Der »Standup-Comedian« Oliver Polak schlug am 31. August dieses Sündenjährchens in der Welt die Wiedereröffnung von Auschwitz vor. Eigentlich wollte ich den Kasper – das dürfte ungefähr die Interlinearübersetzung von »Standup-Comedian« sein – ignorieren, denn daraus, dass diese Ungeheuerlichkeit komplett unter den Tisch fiel, kann ja jeder folgern, für welchen Personenkeis unser Gesinnungsstreber, der sich auf eine spezielle Art in die erste Reihe der Meute zu brüllen versuchte, einen KZ-Aufenthalt öffentlich in Erwägung zog. Im Zusammenhang mit der Rede des Akif Pirinçci zu Dresden verdient der Fall allerdings doch eine kurze Betrachtung, denn zumindest indirekt hat Pirinçci ja auf Polak Bezug genommen, welcher in Springers gern so genanntem Flaggschiff schrieb:

»Niemand hat eine Lösung für die Flüchtlingsproblematik. Ich schon. Lasst uns doch einfach Auschwitz wiedereröffnen (…) Lasst uns all diejenigen, die Steine werfen, Häuser anzünden und auf Menschen urinieren, in Viehwaggons packen, Richtung Osten transportieren. Sie an der Rampe in Auschwitz empfangen« etc pp., am Ende will er sie dann doch nicht vergasen, sondern in der einzig verbliebenen Kammer nur Helene Fischers »Atemlos durch die Nacht« spielen, denn durch seinen Vater, der mehrere KZWann der s überlebte, ist er sowohl zu dergleichen Vorschlägen moralisch ermächtigt wie auch gegen deren allzu konsequente theoretische Ausführung sensibilisiert. Kurzum, deutsche Nachkriegs- und Bewältigungsfolklore in bewährt dumpfer Manier und ermüdender Eintönigkeit. Wenn da nicht der Hetzkanake wäre und dem Casus eine Vergleichbarkeitsdimension verliehe.

Mithin plädiert der ihm vorausträumende Stand-up-Kasper, um am einmal gewählten Terminus festzuhalten, ja für nichts Geringeres als die Einlieferung von unter anderem auch Ausländern nach Auschwitz, denn wenn er von Menschen spricht, die Steine werfen, Unterkünfte demolieren oder anzünden und auf Flüchtlinge urinieren, schließt er ein gerüttelt Maß dieser per se Willkommenen unweigerlich mit ein (wer’s noch nicht mitbekommen haben sollte, lese einfach die Lokalpresse), was vermutlich eine Straftat darstellt. Aber im Wesentlichen schlägt unser Clown vor, Neonazis gen Osten zu karren, weswegen ihm die deutschen demokratischen Öffentlichkeitsarbeiter den Konzentrationslagermetaphergebrauch nicht weiter angekreidet haben. Zwar laufen, wenn ich richtig informiert bin, gegen ihn staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, doch dabei wird nichts herauskommen, und zumindest das ist gut so. Pirinçci indes verfällt derzeit einer damnatio memoriae, die in der Geschichte der Bundesrepublik einzigartig sein dürfte, obwohl auch aus seiner Rede kein Staatsanwalt eine Anklage destillieren wird. Seine Bücher werden rückwirkend eingestampft und verschwinden aus den Sortimenten, die Katzenkrimis inbegriffen, kein Lieferant, von Amazon bis Libri, fasst sie mehr an; ein Buchhändler erwog sogar, sämtliche verfügbaren Pirinçci-Texte öffentlich zu schreddern, bis ihm leider der Mut abhanden kam; mitunter erschrickt der Mensch denn doch vor seiner Überkühnheit. Manch journalistischer Mittelklasse-Autor, der sich in diesen beruflich harten Zeiten eine bescheidene Existenz als Verfolger aufbaut, sah seine Sekunde gekommen, wie etwa jene Autorin des Kölner Express, die den »Hetzer« im Lokal rotzfrech einen Kaffee trinken sah und prompt in den umliegenden Cafés nachkontrollierte, ob solch eine demnächst anscheinend meldepflichtige Abscheulichkeit auch bei ihnen möglich wäre – mit zufriedenstellendem Resultat. »Wenn es um Zivilcourage geht, ist Game over« (Polak); wie recht der Mann doch hat, ohne es zu ahnen.