Schlimmer als die Inquisition

»Voraufklärerische Verdammungspraxis«:
Sogar David Berger protestiert gegen den hysterischen Pirinçci-Vertriebsstopp

Mit deutlichen Worten verurteilt der römisch-katholische Theologe und Publizist David Berger auf Telepolis die Auslistung von Pirinçci-Titeln durch den deutschen Buchhandel. Er verschweigt nicht, dass ihm Pirinçci unsympathisch ist, zumal dieser auch ihn, Berger, vor einiger Zeit »unter der Gürtellinie« angegriffen habe. Was Berger »im Hinblick auf die Meinungs- und Pressfreiheit« allerdings »noch tausendmal unerträglicher« findet als die verunglückten Aussagen Pirinçcis, sei der derzeitige Umgang »der selbsternannten Hüter der politischen Korrektheit mit seinen Büchern aus der Vergangenheit, besonders aber der Buchgroßhändler mit seiner aktuellen Neuerscheinung Die große Verschwulung«.

Wir erleben derzeit, so Berger, »einen in Deutschland nach 1945 nie gekannten Vorfall. So schnell kann man gar nicht schauen, wie Deutschlands wichtigste Buchhändler in voraufklärerische Verdammungspraktiken zurückfallen. Selbst die katholische Inquisition hat es sich immer zur Devise gemacht, klar zwischen einem konkreten Werk und den anderen Äußerungen des Autors zu unterscheiden. Ob ein Werk auf den ›Index der Verbotenen Bücher‹ kam, durfte nur von dem abhängig gemacht werden, was in diesem konkreten Buch stand. Bis der Index der Verbotenen Bücher in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als letztes Relikt frühneuzeitlicher Aufsicht über das Denken der Menschen selbst von der katholischen Kirche abgeschafft wurde.« Berger wirft den deutschen Buchhändlern einen Rückfall in »die voraufklärerische Barbarei von Bücherindex und Zensur« vor, er wirft ihnen vor, dass sie den Lesern ihr »Selbstentscheidungsrecht« nehmen. Dieser Rückfall wiege umso schwerer, als er von Buchhändlern komme: »Sie spielen damit die von vermeintlichen Intellektuellen stammende Begleitmusik zu dem, was sich derzeit auf den Straßen Deutschlands an Auseinandersetzungen abspielt.« – Die Kommentare überwiegend zustimmend.

Der habilitierte Thomist Berger war Mitherausgeber der Monatsschrift Theologisches und Lektor der Päpstlichen Kongregation für die Glaubenslehre, bis er sich 2010 in der Frankfurter Rundschau als homosexuell outete. In seinem ebenfalls 2010 erschienenen Buch Der heilige Schein kritisierte er den Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität. Auch Papst Benedikt XVI. kritisierte er diesbezüglich scharf. Nach Tätigkeiten als freier Journalist war Berger ab 2013 Chefredakteur des homoerotischen Magazins Männer, bis er diesen Posten Anfang 2015 wegen seiner Islamkritik verlor.