Vorverurteilt wird nach Anzeigenlage

Bücherlesen unnötig: über die seherischen Fähigkeiten von Börsenblatt, Tagesspiegel und queer.de

151023 BörsenblattDas Börsenblatt hatte in seiner Ausgabe Nr. 42/2015 auf Seite 129 unsere ganzseitige Anzeige zu Akif Pirinçcis Buch Die große Verschwulung und Andreas Lombards Neuerscheinung  Homosexualität gibt es nicht abgedruckt. Die Kombination dieser beiden Ttel hielten wir eigentlich für denkbar ausgewogen. Nach Erscheinen der Anzeige kam uns zu Ohren, dass sie Diskussionen bis hinauf in die Geschäftsleitung ausgelöst, dass man sich aus Gründen der Presse- und Meinungsfreiheit am Ende aber für den Abdruck derselben entschieden habe. Auf der gegenüberliegenden Seite stand eine Eigenanzeige des Börsenblatts, was bereits eine Vorsichtsmaßnahme gewesen sein mag, keinen anderen Verlag mit unseren – freilich noch ganz unbekannten – Inhalten zu kompromittieren. Nach Erscheinen verabredeten wir problemlos eine weitere Anzeige für das leserorientierte und sehr viel auflagenstärkere Buchjournal, Ausgabe 6/2015. Dann kam Pirinçcis Auftritt in Dresden, der das Börsenblatt zu der Bitte veranlasste, diese Folgeanzeige auf Lombards Titel zu beschränken und Pirinçcis Buch wegzulassen. Was sollten wir machen? Wir sagten zu.

Eingang der Auftragsbestätigung Mittwoch, 21.10.2015, um 12.54 Uhr. Kaum war die Anzeige eingesandt, kam aber eine Mail, in der uns erklärt wurde, auch diese könne nicht erscheinen, zum eigenen »Bedauern«. Mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Buchhandel und nicht ohne die unvermeidliche Achtung vor der als »Shitstorm« bezeichneten Exkrementenlawine wollte man sich einem drohenden Boykott der Buchhändler natürlich nicht aussetzen. Und dann kam der zitierwürdige Verweis auf die Geschäftsbedingungen, Absatz 5:

… MVB behält sich vor, Aufträge – auch einzelne Abrufe im Rahmen eines Abschlusses – und Beilagenaufträge abzulehnen, wenn gegen das mit dem Auftrag zu bewerbende Werk ein der Anzeigenabteilung zur Kenntnis gekommener Rechtstitel vorliegt, die Anzeige oder das Advertorial offensichtlich wettbewerbswidrig ist oder deren Inhalt sonst gegen Gesetze, behördliche Bestimmungen oder die guten Sitten verstößt oder deren Veröffentlichung für MVB unzumutbar ist. Aufträge können auch zurückgewiesen werden, wenn die begründete Annahme besteht, dass durch sie die Gefühle eines nicht unerheblichen Teils der Leser verletzt werden. … Mit freundlichen Grüßen …

Wohlgemerkt bezieht sich dieses Schreiben nicht auf eine weitere Anzeige zur Bewerbung unseres Pirinçci-Titels, sondern des anderen Buches mit dem Titel Homosexualität gibt es nicht. Abschied von einem leeren Versprechen. Zu diesem Buch wird uns ohne Kenntnis des Inhalts so unentschieden und unverbindlich wie nur irgend möglich mitgeteilt, dass (was nun eigentlich?) ein Verstoß gegen »behördliche Bestimmungen« oder die »guten Sitten« vorliege oder dass die begründete Annahme bestehe, dass durch unsere Anzeige »die Gefühle eines nicht unerheblichen Teils der Leser verletzt werden«. Es geht also um Gefühle, nicht um unsere, aber um diejenigen irgendwelcher Dritter.

Dummerweise wird damit Pirinçcis These von der »großen Verschwulung« aufs Zarteste bestätigt. Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir: »Nach den Ereignissen der vergangenen Tage wäre mir wohler, wir hätten für Pirinçcis Buch keine Verbreitungshilfe geleistet.« Wohler wäre ihm. Und uns wäre wohler, wenn wir solche Titel gar nicht zu verlegen brauchten. Erwartungsgemäß hatten sich die steuergeldfinanzierte Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, der »Querverleger« Jim Baker und der ebenfalls einschlägig ausgerichtete Bruno Gmünder Verlag beschwert. Gefühle geben den Ton an, vor allem verletzte Gefühle vorhersehbarer, interessierter Herkunft. Queer.de spricht denn auch von dem »nicht weniger unsäglichen Titel Homosexualität gibt es nicht von Verlagsleiter Andreas Lombard«. Kein Wort zum Inhalt des Buches. Das Urteil wird mal so in den Raum gestellt, es wird schon genug Leute geben, die’s ohne weitere Prüfung nachempfinden können. Fühlen kann schließlich jeder, lesen nicht.

Um dem Wesen dieser Gefühle auf die Spur zu kommen, müssen wir uns bis dato auf queer.de stützen. Dort werden »die 16 dümmsten und widerlichsten Zitate aus Die große Verschwulung« wiedergegeben, Aussagen über das Wesen der Sexualität und die natürliche Unterschiedenheit der Geschlechter, die cum grano salis vor zwanzig Jahren noch selbstverständliche Banalitäten gewesen wären. Christiane Peitz vom Tagesspiegel ergänzt die verquere Empörung um den Hinweis, Casimir  habe sich im Namen der Kollegen von »sexistischen, rassistischen, homophoben oder anderen idiotischen Weltbildern« distanziert. Auch Gouvernante Peitz hält es offensichtlich nicht für nötig, auch nur eine einzige Zeile der in Fage stehenden Bücher zur Kenntnis zu nehmen, gönnt sich aber die vorauseilende Zitation justitiabler Unterstellungen wie »idiotisch«. Wir finden das – na wie wohl? Voreilig.

Wir leben wahrlich in einem Irrenhaus. Ein Kunde des Manuscriptum-Verlags schrieb uns dieser Tage: »Es graust einen geradezu vor diesem hysterisch gewordenen Land, in dem die Einheimischen zu den neuen Fremden werden.« Wir übersetzen für den aktuellen Zusammenhang wie folgt: »Es graust einen geradezu vor diesem hysterisch gewordenen Land, in dem die Normalen zu den neuen Perversen gemacht werden.« Seit Rosa von Praunheims Film von 1971 ist bekanntlich nicht der Homosexuelle »pervers«, »sondern die Situation, in der er lebt«, also die ihn umgebende Normalität. Entsprechend wird sie nun behandelt, und auf diesen peinlichen Missstand auch nur hinzuweisen gilt schon als homophob.

Unser vorläufig letztes Wort ist ein Blick in die … Zukunft?, aufgenommen heute:

Bank II

Das Bild ist echt. Für den, der’s nicht glaubt, zeigen wir die gendergerechte Apartheid gerne nochmal:

Bank II

Gesehen vor dem Deutschen Historischen Museum, Berlin. Foto: © privat

Postscriptum

Der Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Jörg Litwinschuh, ist sich doch nicht zu schade, Klage zu erheben, dass die Verbreitung unserer Anzeige durch das Börsenblatt »gerade angesichts der Ankunft vieler auch homosexueller und transsexueller (!) Flüchtlinge« einen Tabubruch darstelle. – Nanu, haben die gleich das Börsenblatt abonniert (»Hallo, ich bin schwul und möchte als erstes die Homophobie auf dem deutschen Buchmarkt studieren«)? Und wie gedenken die bekümmerte Bundesstiftung, das Börsenblatt und der Tagesspiegel zu gegebener Zeit wohl mit den sexuellen Gefühlen der Flüchtlingsmehrheit umzugehen?  Wir sind jetzt schon gespannt, was passieren wird, wenn man die man mehr als eine Million Leute genauso zu kujonieren versucht wie uns. Aber wahrscheinlich sind insbesondere die vielen Muslime von Natur aus viel homophiler, lernwilliger und einfühlsamer als wir von Manuscriptum. Alles wird gut.