Neues aus der Wagenburg

Nachdem die Händler und Großhändler KNV, Libri, Thalia und Umbreit Akif Pirinçcis neues Buch Die große Verschwulung bereits am Mittwoch aus dem Programm geworfen haben, hat heute der schweigende Gigant amazon nachgezogen und den Trend zur Privatzensur noch verstärkt – durch Streichung der beiden anderen Bücher Pirinçcis, die in unserem Hause erschienen sind. Die Wege in den Handel, letztlich zum Käufer, wurden damit fast vollständig abgeschnitten. Der Inhalt des Buches hat bei diesen Bestrafungsmaßnahmen keine Rolle gespielt, man kennt ihn schließlich nicht. Beim totalen Boykott aber wollen freilich so gut wie alle mitmachen. Wir haben keine Neigung, über die Stöckchen zu springen, die man uns stündlich hinhält. Deswegen werden wir alle Bücher Akif Pirinçcis im Programm behalten und selbstverständlich ausliefern.

Wer noch glaubt, dass Internet und digitale Vernetzung die Kommunikation fördern würden, der kennt das Geschäftsgebaren von amazon nicht. Der kennt den Großhändler Libri nicht und der kennt die vielen lieben Kollegen Buchhändler nicht, die sich nicht etwa bei uns über einen unliebsamen Autor und sein ungelesenes und desto unliebsameres neues Buch beschweren, sondern ihn stattdessen nach gemeinster Schülermanier beim Großhändler KNV verpetzen: »In den letzten dreißig Jahren haben wir einen solchen Ansturm nicht erlebt«, hieß es dort. Libri und amazon haben es vorgezogen, ihre hohen Vorbestellungen unkommentiert zu stornieren, obwohl doch der Titel des Buches Die große Verschwulung allezeit derselbe war. Eine Begründung hielt man naturgemäß nicht einmal für nötig, und all das lässt darauf schließen, dass der soziale Druck, der sich nach einer entgleisten Rede gegen ein Buch aufbot, das in Ton und Inhalt mit jener Rede nichts zu tun hat, dass dieser soziale Druck eine Eigendynamik erreicht, die nur den Schluss zulässt, dass die autoritären Strukturen in Deutschland vielleicht nicht vertikal, auf jeden Fall aber horizontal verlaufen und nichtsdestotrotz knallautoritär sind, also ungefähr das, was man sonst nur Putin vorwirft. Es reicht, sich »unwohl« zu fühlen, um Verträge aufkündigen, um Geschäftsbeziehungen abbrechen, um Kunden verstoßen und um sein eigenes Scheitchen auf den Scheiterhaufen der veröffentlichten Meinung legen und so die große Akif-Pirinçci-Grillparty bereichern zu dürfen. Jeder – Verzeihung, ein jedes – darf mitmachen, darf denunzieren, darf exekutieren.

Das Ergebnis: KNV, Libri, Umbreit, amazon und Thalia setzen qua gemeinsamer Marktmacht ein Buch auf den Index, gegen das nichts anderes vorliegt als geballtes Unwohlsein. »Späte Einsicht« meldet queer.de auch beim Börsenblatt, dass zur Bekräftigung der Meinungsfreiheit unsere Anzeige für die neuen Bücher von Akif Pirinçci und Andreas Lombard in seiner Messeausgabe noch druckte, gar eine zweite fürs Buchjournal avisierte, die dann doch lieber nicht erscheinen sollte … Chefredakteur Torsten Casimir bedauert die ganze Chose seit gestern pflichtschuldigst. Aber warum eigentlich? Er wusste doch, was er tat und warum er es tat. Das, was danach in Dresden passieren würde, hatte auch er schließlich nicht vorhersehen könne. Ist Deutschland jetzt ein einig Kindergärtnerland, dessen Kindergärtner sich allesamt für das gute Betragen von Herrn Akif Pirinçci verantwortlich fühlen? Obwohl die Pegida-Anhänger in Dresden, wie man wissen und weitersagen könnte, sich ganz gut selber zu wehren wussten? Der angeblich »nicht weniger unsägliche Titel« Homosexualität gibt es nicht von Andreas Lombard wurde von queer.de gleich mit in die Tonne getreten. Das ganze Procedere ist ein Präzedenzfall, der, ob schlimm oder nicht, Schule machen wird. Der Mainstream fördert nach Kräften die alternativen Vertriebs- und Verkaufswege, die sich über ein entsprechend kräftiges Wachstum freuen. Der Mainstream hat sich einen Bärendienst erwiesen.