Pirinçci unter Christusverdacht

Hödl & Encke klagen an

von Andreas Lombard

Akif Pirinçci hat es geschafft. Die Feuilletons nennen seinen Namen in einem Atemzug mit Thilo Sarrazin. Der türkische Erfolgsautor hat zwar noch nicht ganz so viele Bücher verkauft wie das frühere Vorstandsmitglied der Bundesbank, aber eine absolute Größe ist er mit Deutschland von Sinnen trotzdem geworden – gemessen an den Maßstäben des öffentlichen Handels mit Erregungszertifikaten. In diesem Geschäft kann man sich Pirinçcis Wert nicht hoch genug denken. Verglichen mit dem, was in den vergangenen Tagen geschrieben und gesagt wurde, wirken die Vergleiche, mit denen Pirinçci am Anfang der DvS-Debatte belegt wurde, irgendwie blaß. Erst war Pirinçci ein zweiter Hitler, dann ein zweiter Breivik. Das klang zwar schlimm, war aber nur das Vorspiel.

Was jetzt gereicht wird, macht weniger Lärm und holt dafür weiter aus. Wörter wie »Wutbuch«, »Haßbuch« oder »Hetzschrift« ließen uns die Steigerung von Anfang an ahnen. Spätestens beim »Haßautor« war die Sache klar. »Pirinçci = Haß«, lautet die schlichte Formel, dank der das geborstene Weltbild wieder zusammengeklebt wird. Das erweckt den Eindruck, als fehlte nur noch der Taliban- oder Al Kaida-Vergleich. Es geht aber um mehr. Selbst alle Hitlers, Breiviks und Bin Ladens dieser Welt wären noch zu irdisch und zu vergänglich. Denn damals, vor sechs Wochen, als aus Pirinçci ein zweiter Hitler wurde, hatte Hitler seinen dunklen Nimbus sofort verloren. Dasselbe geschah bei »Pirinçci = Breivik«, und dasselbe würde auch bei »Pirinçci = Bin Laden« geschehen. Sobald verglichen wird, ist auf dem Gruppenbild des Grauens niemand mehr das Böse selbst und ein jeder nur noch dessen armseliges Abziehbild. Das ist natürlich zu wenig, so billig darf ein Haßautor nicht davonkommen. Hitler muß raus aus dem Bild. Und alle anderen außer dem aktuellen Angeklagten auch.

Als sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nun am Pfingstsonntag dem von ihr bemerkten »Siegeszug eines Gefühls« zuwandte, womit ein Wuchern des Ressentiments gemeint war, geschah eben dies. Die These der Zeit, wonach das Ressentimentbuch Deutschland von Sinnen »menschenverachtend« sei, wurde von der FAS ungeprüft übernommen, und zitiert wurde in diesem Zusammenhang nicht etwa der Wutbuchautor, sondern der frühere Regierungssprecher Béla Anda, der mit dem Buch gar nichts zu tun hat, der sich aber in der Bild-Zeitung geweigert hatte, das mediengeborene Zwitterwesen Conchita W. gut zu finden. Allein jene Ungeprüftheit erweckte den dürftigen Eindruck, da hätte eine ressentimentgeladene Nichtleserin anderen Nichtlesern ihr Ressentiment zum Vorwurf gemacht.

Dem Aufschrei der FAS fehlte dummerweise auch die Begründung, warum es menschenverachtend und ein Fall von Ressentiment sei, einen Mucks wie den von Béla Anda zu tun. Offenbar ist Conchita W. keine Frage des Geschmacks, sondern ein wichtiges Datum in der Erziehung des Menschengeschlechts. Der einzige Anhalt, den der FAS-Artikel dem geneigten Leser schließlich gab, war eine ziemlich dunkle Berufung auf »Demokratie und Gleichheit« was ungefähr so erhellend war, wie wenn dort »Frieden und Gänseblümchen« gestanden hätte. Bei Klaus Hödl im Deutschlandradio wurde ersatzweise die »gesellschaftliche Modernisierung« gegen »tiefsitzendes Unbehagen« verteidigt. Nichts gegen Gleichheit! Ich bin auch dafür, daß jedes Kind drei ältere Geschwister hat, weil die das Aufwachsen ungemein verschönern.

Die Anklage braucht sich nicht zu verteidigen. Die Anklage ist berechtigt, weil sie erhoben wird. Sie braucht die von Pirinçci aufgegriffenen Gegenstände des Streits, nämlich die öffentlich verharmloste Ermordung deutscher Jugendlicher durch türkische Jugendliche, die demografisch katastrophale Kinderlosigkeit, die kollektive Sterbehilfe namens Gender Mainstreaming, die sechsmillionenfache Abtreibung, die den Mittelstand ruinierende Steuerlast, die linksgrüne Umverteilung von unten nach oben mittels Windrädern und Solarzellen oder die Enteignung der europäischen Privatvermögen durch die EZB nicht einmal beim Namen zu nennen, um die Anklage auf drei Buchstaben zu reduzieren: »H-a-ß!« Die einen haben »produktiven Zorn«, so Encke, und die anderen »Ressentiments«. Die einen dürfen schreien und pöbeln, die anderen nicht. Die einen haben recht, die anderen nicht. So einfach ist das. Und so konstruktiv.

Kaum ist aller Haß auf Pirinçci abgeladen, der ihn fortan trägt wie Jener das Kreuz, sind alle Hödls & Enckes dieser Welt vom Bösen frei und brauchen sie nicht eine Sekunde mehr darüber nachzudenken, welches Ressentiment sie selbst zu ihrer Anklage wohl bewogen haben könnte. Die Berufung auf »Demokratie und Gleichheit« ist Hödl & Encke eine Chiffre dafür, daß Haß und Ressentiment einer dunklen, vorgeschichtlichen Vergangenheit angehören, in der die Menschen noch so menschverachtende Dinge taten wie ihre Meinung zu sagen, sich zu streiten und aufeinander wütend zu sein. Was zu dem peinlichen Problem führt, daß all die Sarrazins und Pirinçcis höchst wichtige und notwendige Erscheinungen sind, weil das, was es an Ressentiment und Haß trotz »Demokratie und Gleichheit« immer noch gibt, schließlich irgendwo entsorgt werden muß.

Hödl & Encke tun so, als wäre »Haß« (wohlgemerkt ein nicht bewiesener) nicht etwa menschlich, sondern unmenschlich. Nicht der Mensch als solcher haßt, sondern der Unmensch, der Nicht-Mensch. Mit dem − wer nochmal? − nicht mehr spielen will. Mit diesem Kindergartentrick ist das Böse blitzkriegmäßig dingfest gemacht und isoliert. Aber leider kommt auch der Kampf gegen das Ressentiment, der das Ressentiment vernichten soll, nicht ohne Ressentiment aus. Die moralischen Schablonen, die gegen Pirinçci ins Feld geführt werden, erwachsen ihrerseits aus dem Ressentiment, in diesem Fall aus dem Geist einer Hausfrauenmoral, die sich politisch wähnt, nur weil sie glaubt, einen Schuldigen für die Spannungen des Politischen gefunden zu haben. Schlimmer als jeder Haß, Streit und Kampf ist der ressentimentgeladene Glaube, daß es den Haß und das Ressentiment nicht mehr gäbe, wenn es von heute an keinen Sarrazin und keinen Pirinçci mehr geben würde. Weil dann nur noch ein irgendwie heiliger Zorn übrig bliebe.

Liebe Klaus Hödls und Julia Enckes, Ihr solltet Akif Pirinçci auf Knien danken. Ohne ihn hättet Ihr gar keinen Glauben mehr.