Das Steffen-Seibert-Syndrom

#Nudelaufschrei

Es sind heute neben den Menschen nicht nur deren Bücher, die sich als Gegenstand psychiatrischer Betrachtung anbieten. Es sind vor allem die Journale der Boshaftigkeit, die Tageszeitungen und deren Akteure, die Meinungskrämpfer. Die klinischen Fälle sind zahlreich und schwer: Schizophrenie, akute Pseudologie, mittelgradige bis schwere Intelligenzminderung. Auf dieser Station wird der Gonzo-Journalismus zum Borderline-Symptom. Pirinçci wirft man »Gossenfotzigkeit«, Hitlerei und den billigen, fäkalen Skandal vor, wobei die hilflose Wut sich, wie beim Tagesspiegel geschehen, bis hin zu Anders-Breivik-Schlacht-Phantasien steigern kann. Sie selbst aber können auf nichts anderes reagieren als auf den Skandal, auf schrille Töne, gegen die diese Furien mit noch schrilleren Tönen ankreischen. Nudeln, die sich beschweren, daß das Wasser, das sie zum Kochen bringen muß, zu heiß sei. Nur selten tauchen aus der Flut hysterischer Szenen Stücke auf, die zeigen, was zu dem Buch auch gesagt werden könnte. Wir haben darauf hingewiesen, daß es zuletzt Alexander Marguier auf Cicero Online war, der die Fähigkeit besitzt, die Zwischentöne des Buchs wahrzunehmen, die die Journaillenmehrheit vor lauter Geschrei nicht bemerken konnte – oder wollte. Marguier hingegen erkennt in Pirinçci den »ultraliberalen Romantiker«, der bei aller Brachialität mit Witz und Selbstironie zu Werke geht. Dabei nimmt Marguier Pirinçci ernst genug, um auch die Zweifel, das Disparate, die Kränkungen des Autors festzustellen, der »im Grunde seines Herzens ein hoffnungsloser Romantiker ist«. Und trotz dieser Windungen, die auch die Dramaturgie erfordert, bleibt das Buch ein »ultraliberales Manifest gegen die staatliche Einmischung in sämtliche Lebensbereiche«. Vom Alleszersetzer Staat ist bei den GroKo-Medien natürlich, auch anläßlich des Buchs, nicht die Rede, aber das liegt vielleicht am Steffen-Seibert-Syndrom und berufstypischen Formen des Hospitalismus, womit wir wieder bei der Psychiatrie wären. Es war unser Autor Bernhard Lassahn, der geschrieben hat, daß das Problem bei Akif Pirinçci nicht sei, daß er womöglich Applaus von der falschen Seite kriege, sondern dass die Kritik von der richtigen Seite versage.