Piri des Tages

Noch einmal: Es geht in Pirinçcis Buch um den Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer und, ja, sein Buch richtet sich auch gegen den Kult um sie, aber es richtet sich nicht gegen diese Gruppen als solche. Nein, tut es nicht (das Buch einfach mal lesen). Aber mit dieser Differenzierung ist der größte Teil unserer Medien überfordert, oder er will überfordert sein, weil jenes Dagegen, das bei Pirinçci wirklich übrig bleibt, auch ihr eigenes propagandistisches Getröte betrifft. Dagegen wiederum wehrt sie sich mit dem Intoleranzvorwurf und schreckt, wie der heutige Beitrag der Süddeutschen Zeitung zeigt, auch nicht davor zurück, Pirinçci und Sarrazin die gleiche Gefahr für die westlichen Demokratien zuzuschreiben wie sie der Islamismus für die Demokratien der islamischen Welt hat. Wie einfältig diese Medienpropaganda inzwischen zu Felde zieht – mit Unschuldsmine, aber hochaggressiv –, konnte man gestern auch in der FAZ studieren (Feuilleton, S. 9). »Putins Dirigent«, hieß es dort: »Gergiev nimmt nichts zurück«. Komisch, Gergiev hatte doch einen famosen Brief an das Publikum der Münchner Philharmoniker geschrieben, in dem er (erstaunlich genug) trotz der üblen Campagne gegen ihn daran festhält, nächstes Jahr nach München zu kommen. Einen Brief, in dem er ausführlich darauf hinweist, daß er in erster Linie Musiker sei und die völkerverbindende Kraft der Musik hochschätze (zu ergänzen wäre: und nicht der spaltenden Genderpolitik). Der Rest ist freundliche, selbstbewußte Diplomatie. Er könne, so schrieb Gergiev in seinem offenen Brief,

»nicht außer Acht lassen, dass die russische Gesellschaft teilweise nach anderen fundamentalen Prinzipien lebt, als das in den westlichen Gesellschaften der Fall ist. So spielt die kulturelle – tief in der orthodoxen Religion verwurzelte – Orientierung für die russischen Menschen eine nach wie vor elementare Rolle in der Lebensführung, was im übrigen auch geholfen hat, dass die Menschen in Russland schwierige Situationen im 20. Jahrhundert überleben konnten. Ich achte mein Volk und seine Traditionen. Ich achte und respektiere auch das, was als Lebensmaxime in Russland den Menschen von hohem Wert ist. Dazu gehört auch das Festhalten an Tabus, die in den westlichen Ländern seit einigen Jahren nicht mehr gelten, aber zu deren Aufhebung es viele Anläufe und viel Zeit brauchte. Was meine persönliche Haltung angeht, so wird es niemanden geben in meinem Ensemble und Team, der mir etwas vorwerfen könnte. Der Respekt dem anderen und seinen Belangen gegenüber ist für mich ein oberstes Prinzip.«

Und was sagt die auch so dialoginteressierte FAZ dazu? Obwohl in Gergievs Gespräch mit dem Münchner Kulturdezernent Hans-Georg Küppers offenbar sogar »Kooperationsmöglichkeiten mit der schwul-lesbischen Community« besprochen wurden, wirft sie dem Dirigenten nach der Lektüre seines Briefes vor, »nach Dialog, nach einem Brückenbauen, wie es Gergiev mit Hilfe der ›gesellschaftsbildenden Kraft‹ der Musik in München und anderswo anstrebt, klingt das nicht.« Das soll wohl heißen: Solange Gergiev den westlichen Kult um Homosexuelle nicht mitfeiert und seinem Heimatland nicht entsprechend in den Hintern tritt und , soll er in München keinen Fuß auf den Boden kriegen.
Andreas Lombard