Für kleine Mädchen. Veranstaltungsnachlese

Wer Pirinçcis These nicht glaubt, daß die Deutschen dabei seien, kollektiv zu regredieren und zu invertieren, der studiere die Gegner seiner Lesungen am vergangenen Wochenende in Erlangen und Nürnberg. Zeit online und nordbayern.de berichteten. Was die abgeneigten Medienvertreter ungeniert zugaben und hemmungslos vor ihren Lesern ausbreiteten, ist nichts weniger als eine groteske Infantilisierung der politischen Auseinandersetzung. Die wiederum eine Studie wert wäre, die dieses Wort verdient. Das Vorbild all dieser linksdemokratischgutmenschlichdauerempörtoberbeleidigten DiskursteilnehmerInnen ist nämlich nichts anderes als das kleine, freche, verzogene, ängstliche Mädchen, das seine großen Brüder holt, wenn es mal wieder was verbockt hat und seine Altersgenossen Streß machen. Beweis? Folgender innerer Monolog:

»›Politik lebt vom Konflikt?‹ Nie gehört. ›Politik bedeutet, sich mit dem politischen Gegner auseinanderzusetzen, zu messen, mit ihm zu konkurrieren?‹ Nie gehört. Was soll das sein, ein Gegner? Wo es doch außer uns nur noch homophobe, rassistische, rechtspopulistische Menschverächter wie diesen Akif Pirinçci gibt. Gegner … Hm … Keine Ahnung. Wir holen immer unsere großen Brüder, wenn einer nicht mitspielen will. Naja, die Medien fragen uns, ›Wollt ihr den totalen Kindergarten, wollt ihr spielen, was ihr wollt?‹, und wir von Verdi, Nazistop, Fliederlich und wie wir alle heißen, schreien dann begeistert ja, weil wir ja nie wieder Krieg und schon gar keine Konkurrenz wollen und weil wir uns dann bald nicht mehr ärgern müssen, daß die Welt immer noch nicht so ist, wie sie uns gefällt. Wir agitieren halt lieber so rum und lesen natürlich auch nicht, was wir da bekämpfen, wir wissen ja vorher, was drinsteht, wir haben auch keinen Bock nachzudenken, abzuwägen oder irgendwas zu diskutieren. Wir sind doch nicht blöd, uns so viel Arbeit zu machen, und dann noch für lau. Nee, nee, wir greifen zum Telefon und setzen den Wirt unter Druck, so lange, bis er die Lesung absagt. Das klappt fast immer, denn der Wirt will nicht am nächsten Tag am Pranger stehen, der guckt auf seine Reservierungen, Hochzeitsfeste und so, der lebt davon, und wenn er nicht beim ersten Mal einknickt, dann spätestens beim zweiten Mal. Okay, in zwei Fällen nutzt das leider nichts. Erstens, wenn der Veranstalter sich seltsamerweise nicht von uns einschüchtern läßt (kommt leider vor – was uns zur Weißglut treibt, dann nehmen wir allen Mut zusammen und informieren die Medien), und zweitens, wenn die Veranstaltung in einem öffentlichen Raum stattfindet und die Nutzer bis hin zur NPD sich einklagen können. Auch dann nehmen wir allen Mut zusammen, rufen die Medien an und sagen denen, daß die NPD sich da reingeklagt hat, und das klingt dann so, als ob die, die da jetzt auch gerade drin sind, ohne daß die uns gefragt haben, als ob die auch irgendwas mit der NPD zu tun haben. Das funktioniert immer. Zu diesem rechten Kram kommt sowieso immer irgendein Heini, der, wenn er nicht gerade zur NPD gehört, bestimmt einen kennt, der auch schräg drauf ist, also jetzt so rechts irgendwie, und das sagen wird dann auch den Medien. In Zukunft brauchen wir das nicht mehr zu machen, bald wird das alles viel einfacher, denn die Stadt hat für uns so eine Handreichung rausgebracht, die den Kneipenwirten sagt, wen sie reinlassen dürfen und wen nicht. Die verstehen schon, wie das gemeint ist, daß das kein Ratgeber ist oder so, sondern eine klare Anweisung. Und dann gibt es demnächst sowieso bald das Gesetz, das Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie verbietet, und dieses Gesetz, also, das ist unser großer Bruder im Quadrat, denn dann kann uns keiner mehr. Gibt ja praktisch nichts, was nicht irgendwie da drunter fallen könnte. Irgendwas hat jeder mal gesagt oder geschrieben, womit wir den drankriegen. Wird auch echt Zeit, daß wir nicht mehr ständig diesen Streß haben mit all den blöden Hermans, Matusseks, Sarrazins, Pirinçcis und wie sie alle heißen. Keine Ahnung, wo die immer herkommen. Die wachsen dauernd nach. Scheiß Nazis halt …«

So weit, so peinlich. Genauso lief das vergangene Wochenende ab. Wer’s nicht glaubt, lese es nach. Und wer jetzt zur Erholung wissen möchte, wie man sich auf intelligente Weise mit Deutschland von Sinnen auseinandersetzen kann, ohne sich mit allen Thesen des Buches gemein machen zu müssen, der nehme sich die neue Buchbesprechung von Alexander Maguier auf Cicero online vor, die beste seit – genau! – seit es Deutschland von Sinnen gibt. Und nicht vergessen: Mädchenkram zählt nicht in der großen Politik! Auch nicht in der kleinen! Da sind Männer gefragt!
Andreas Lombard