Darm mit Charme

In der Tat ein unerhörter Vorgang. Früher hätte Die Zeit ein paar Briefe ihrer empörten Leser abgedruckt, und die Sache wäre erledigt gewesen. Heute fährt Chefreporter Stefan Willeke 1.738 Kilometer quer durch Deutschland, um zu erfahren, warum Zeit-Leser in Scharen gegen die Deutschland von Sinnen-Rezension von Ijoma Mangold aufbegehren und dem Blatt den Vergleich mit Hitlers Mein Kampf nicht durchgehen lassen. Diese Diskrepanz ist offenbar kein Einzelfall. Alle großen, gerade noch oder bereits ehemals meinungsführenden Blätter leiden unter dramatischen Nachfragerückgängen im ein- bis zweistelligen Prozentbereich, sei es in Folge des Internets, des Generationenwechsels bei der Leserschaft oder wegen hausgemachter, künstlich fortgezeugter, arrogant behaupteter Unbelehrbarkeit.

Zu überprüfen wäre der Tatbestand daran, daß die von Pirinçci angesprochenen Realien (exzessive Staatsquote, steigende Steuerlast, dramatische Integrationsprobleme, Massenmord durch Abtreibung, Zerstörung der Familie durch Gender und Feminismus, Zerstörung der Landschaft durch unwirtschaftliche und hochsubventionierte Windräder usw.) in den Rezensionen des Buches in der Regel keine Rolle spielen. Soviel Verdrängung muß man erst einmal hinkriegen! Aber es bleibt eben nicht ohne Folgen. Kein Wunder, daß die großen Namen zusehends ihre Autorität und vor allem ihre Käufer einbüßen. Die FAZ kann ihrem Publikum ihre Sicht auf die russische Außenpolitik ebenso wenig länger aufdrücken wie der Deutschlandfunk.

Pirinçcis Buch hat, wie die Junge Freiheit dieser Tage feststellte, die einzigartige Qualität einer Sonde. Wie bei einer Darmspiegelung wird plötzlich sichtbar, was im wenig erforschten »Unterleib der Medien« (NZZ) eigentlich los ist. Zwei bemerkenswerte Beiträge haben sich heute dieser Diskrepanz gewidmet, zum einen »Leser und Journalisten: Man versteht sich nicht« von Rainer Stadler, hier nachzulesen in der Neuen Zürcher Zeitung, zum anderen »Hochmut nach dem Fall« von Alexander Kissler, hier nachzulesen auf Cicero online. Kissler spricht sogar vom »zwangsironische[n] Nörgelton der Hyperkorrekten und Dauerbesorgten, der Schönredner und Weggucker und Besserwisser«. Inzwischen geben diese Leute immerhin zu, daß sie hyperkorrekt und dauerbesorgt sind, daß sie schönreden, weggucken und besserwissen. Eines muß man Pirinçci lassen: Er bringt es an den Tag.