Endlich: Er ist wieder da

Die Kritiker von »Pöbel-Autor« Akif Pirinçci pöbeln zu Schiff im sicheren Hafen gegen den mutigen Seefahrer

von Markus Vahlefeld

Vorbemerkung: Wir danken dem Autor für die freundlich erteilte Genehmigung, seine folgende Presseschau hier wiederzugeben. Zuerst erschien der Text auf seinem Blog Der grüne Wahn.

Fast pünktlich zu Führers Geburtstag schloss Georg Diez auf Spiegel-Online den Reigen an Rezensionen zu Akif Pirinçcis neuem Buch Deutschland von Sinnen ab. Fast 70 Jahre musste das deutsche Feuilleton auf die Auferstehung eines neuen Führers warten. Jetzt ist er wieder da und der Kulturbetrieb hat es statt mit einem Österreicher mit einem eingedeutschten Türken zu tun. Heureka!

Man muss sich den deutschen Kulturbetrieb wie ein schönes, glitzerndes Schiff vorstellen, das sich die Damen und Herren (vornehmlich Herren) in mühevoller Kleinarbeit und einem funktionierenden Preise- und Förderbetrieb aufgebaut haben. Leider, und diesen Verdacht können selbst die Damen und Herren des Kulturbetriebs nie ganz loswerden, ist dieses schöne, glitzernde Schiff für die Unbilden des Seegangs völlig ungeeignet. Aber dieses Schiff soll ja auch gar nicht auf große Fahrt gehen. Das wäre zu profan. Das Schiff soll nur am Rand der Hafenmole sicher vertäut vor sich hinschaukeln, den Blick aufs Meer freihalten und denen, die ihren Lebensunterhalt auf dem Meer verdienen, mit letzter Tinte gute Ratschläge erteilen. Und dann kommt da jemand, baut aus wahllos gefundenem Schrott einen echten Kahn, der weder glitzert noch sehr schön anzuschauen ist, aber er sticht in See und siehe da, das Schiff nimmt Fahrt auf und die Bugwelle erreicht die Hafenmole.

Wie reagieren die Damen und Herren nun, die mit anschauen müssen, dass auf dem Sonnendeck zu sitzen nicht ausreicht, um den Menschen Ratschläge zu erteilen, und wie auf einmal die Bugwelle der öffentlichen Meinung in ihre schöne heile Welt der veröffentlichten Meinung eindringt? Sie geraten auf ihrem Sonnendeck in Panik und bezichtigen den Kahnbauer, für die raue See verantwortlich zu sein. Das ist ein einfacher Trick und wie der funktioniert, soll anhand von vier Rezensionen zu Pirinçcis Buch aufgezeigt werden: Georg Diez auf Spiegel-OnlineAlexander Wallasch auf The European, Robert Misik in der taz und schließlich Ijoma Mangold in der Zeit.

Fangen wir mit der Deutschherrenmentalität eines Alexander Wallasch an. […] Niemals würde sich Herr Wallasch den Stolz, die deutsche Schuld und Bürde zu tragen, von irgendeinem Dahergelaufenen streitig machen lassen. Denn es ist die deutsche Schuld, die die deutschen Seelen so empfindsam stimmt und die sie über den unsensiblen Türken erhebt. Am empfindsamen deutschen Wesen soll die Welt genesen.

Wallasch schreibt: »Nun ist dieser Deutsche Akif Pirinçci aus der Türkei stolzer auf das Land meiner Väter als auf das Land seiner Väter. Das ehrt die meinen und beleidigt wahrscheinlich die seinen. Zunächst. Denn in der Folge beleidigt es leider auch meine Väter, wenn der Autor in einer widerlichen Gossenfotzigkeit über das gegenwärtige Deutschland herzieht, wie vielleicht besonders gut jemand herziehen kann, der keine eigenen Wurzeln in diesem Land hat.«

Diese Art Schreibe würde man wohl eher auf einem Rechtsradikalen-Blog erwarten als von einem Autor, der als linker Pop-Literat gilt. »Akif Pirinçci beleidigt gerne das Deutschland, das seine Wurzeln hat im Tun der Deutschen, die deutsche Väter und Mütter, die Großväter und Großmütter haben.«

Tja, Türke, Setzen! Sechs! und Fresse halten (was Wallasch ihm in diesem Artikel auch wirklich nahelegt). Deutschland den Deutschen! »Klar, der Junge hat hier keine Vorfahren. Er agiert in einem fremden Land insofern, dass er auf keinerlei familiär-deutsche Erfahrung zurückblicken kann. Es fehlt ihm einfach dieser Pool an Wissen, Erfahrung und im optimalen Falle womöglich Weisheit.« Die, soviel sollte deutlich geworden sein, der deutsche Herr Wallasch allein schon seines Blutes wegen mit Löffeln gefressen zu haben scheint.

Dem deutschen Gruß des Herrn Wallasch lässt Robert Misik, seines Zeichens Österreicher und Gast-Kommentator der taz, in eben dieser erklären: »Die Rede ist vom rechten Hassprediger und Hetzschreiber Akif Pirinçci, der so doof ist, dass es körperlich schmerzt.«

Nun muss der Ehrlichkeit halber gesagt werden, dass Misik keine Buchrezension der herkömmlichen Art abliefern will, sondern Akif Pirinçci eher in Pirinçci-Manier versucht, ans Bein zu pinkeln. Wenn nur nicht die völlige Abstinenz von Sprachwitz und diese verbissene Humorfreiheit bei Herrn Misik herrschen würden. Denn natürlich muss er den Verbal-Injurien noch irgendetwas Hehres folgen lassen. Und das hört sich dann so an: »Aber vielleicht würde uns ein bisschen rigideres Gatekeeping und das Hochhalten von Standards guttun. Womöglich sollte man jene verstaubte Tugend ein bisschen höher halten, die etwa davon ausging, dass man Meinungen schon äußern, aber sie irgendwie begründen können sollte (…)«

Nur wie begründet man, dass Akif Pirinçci »so doof ist, dass es körperlich schmerzt«? Ist Misiks Schmerz jetzt das Maß aller Dinge? Reicht das schon als Begründung? Nein! Der emanzipatorisch-freiheitsliebende Schreiber ruft tatsächlich nach »rigiden Gatekeepern«, also so Art Aufpasser-Kapos, die die Welt in dumm und klug, in schmerzhaft und wohlgefällig einteilen mögen. Sicher sollen diese Aufpasser, von denen Misik träumt, keine SA-Uniformen tragen. Man sollte sie sich eher wie eine Truppe Antifa-Kämpfer vorstellen, die alles Unliebsame wegräumt und denen die Zähne ausschlägt, die sich nicht daran halten, Meinungen nur mit Begründungen zu äußern. Den Bock (Misik) zum Gärtner (Aufpasser) machen, wurde nie schöner verbrämt. Der von Herrn Wallasch geprägte Begriff der Gossenfotzigkeit passt hier wie die Faust aufs Auge.

Hübsch auch der Versuch von Georg Diez auf Spiegel-Online, Akif Pirinçci in die übelste rechte Ecke zu stellen. Nun neigt der Diez dazu, jedem und allem irgendetwas Rechtes anhängen zu wollen, weil in der Welt, in der sich die Diezens bewegen, alles Rechte per se das Schlechte ist und damit keiner Argumentation bedarf. Mit dem Schriftsteller Christian Kracht hat Diez es ja auch schon versucht, was dann zu einem Sturm im feuilletonistischen Wasserglas führte. An der sonnenbeschienen Hafenmole war das ein echter Aufreger. Draußen auf dem Meer hat es keiner mitbekommen.

Akif Pirinçci also, der in der Welt, in der ich lebe, eher als eines der möglichen Opfer des NSU gelten könnte, wird nun die Mitschuld an Morden an Ausländern gegeben. »Ein Buch wie das von Pirinçci liefert damit die Begleitmusik etwa für den NSU-Prozess«, schreibt Diez. Aber genau so funktioniert es, wenn sich ein Kolumnist die Welt so bäckt, wie er sie haben möchte: Piriçci mit seinen türkischen Wurzeln wird zum Ideengeber der Hackfressen, die vornehmlich Türken ermordeten. Eloquenter wurde noch selten Schwarz für Weiß verkauft. Überschrieben ist die Kolumne von Herrn Diez übrigens mit »Hassbücher: Gebrauchsanleitung der Gewalt.«

Damit wendet Diez einen kleinen Trick an, den er selbstredend nur für ideologische Feinde parat hält. Böse Texte sind Gebrauchsanweisungen zu Mord und Totschlag, während »echte« Literatur den verkommensten Dreck schreiben soll und dann die Semantik und die kraftvolle Sprache gelobt werden. Erinnern wir uns kurz daran, wie sich der alternde Schriftstellerdarsteller Diez vor Geilheit gar nicht einkriegen konnte, als die 17-jährige Helene Hegemann in Axalotl Roadkill über pädophile Sexerlebnisse und den versifft-glamourösen Weg in die Heroinabhängigkeit schrieb. Gebrauchsanweisung zum Drogenmissbrauch und zerrüttetem Leben? Es wäre absurd, Literatur damit zu überfrachten. Was jedoch ganz und gar nicht absurd ist: die geschmacklichen Vorlieben der Rezensenten daraus exzerpieren zu können. Die Gosse ist für Diez, den Bewohner des Sonnendecks, der ultimative Kitzel. Alles andere ist voll Nazi.

Es bleibt festzuhalten, dass erstens der Pirinçci kein Recht hat, ein Buch über Deutschland zu schreiben, ist er doch kein mit Weisheit gesegneter Blutsdeutscher. Dass es zweitens Aufpasser bedarf, die den Pirinçcis dieser Welt den Mund verbieten. Und dass drittens jeder, der sich nicht an die Spielregeln des glitzernden Schiffes hält, die Begleitmusik für Ausländermorde liefert.

Bis hierhin ist es vielleicht der ganz normale Wahnsinn, der sich so tagein, tagaus im deutschen Feuilleton ereignet. Sollten Sie, lieber Leser, eine echte Buchrezension auch auf inhaltlicher Ebene jetzt schmerzlich vermissen, so sei hinzugefügt: es gibt sie nicht. Denn das unerklärte Ziel war ja nicht, das Buch zu beschreiben und zu kritisieren, sondern den Autor in eine Zwangsjacke zu stecken. So ticken diejenigen, die an jeder Hausecke Toleranz und Vielfalt einfordern, so lange auf ihrem Sonnendeck der Champagner fließt.

Das Hintergrundrauschen all dieser Traktate hat dann der Literaturchef der Zeit, Ijoma Mangold, auf den Punkt gebracht. In seinem »Volle Ladung Hass« überschriebenen Artikel fängt der entscheidende Absatz folgendermaßen an: »Dieses Buch ist das Produkt eines wild gewordenen Autodidakten.«

Nun gut, der Vorwurf, Autodidakt zu sein, scheint in der Welt des Zeit-Feuilletons der schwerstmögliche Vorwurf zu sein. Sozusagen die Höchststrafe, dessen Vollstreckung auf dem Fuße folgt. Da heißt es im nächsten Satz: »Im Bramarbasieren über alles und jedes, in der scheinbar widerstandslosen Herstellung von Evidenz und Zusammenhang, in der triumphalistischen Geste der Entlarvung von medialen Lügengespinsten, in seiner Mischung aus Brutalität und Heulerei erinnert das Buch – ich schwöre, ich habe noch nie einen Hitler-Vergleich gezogen in meinem Berufsleben – an Adolf Hitlers Mein Kampf.«

Yo! Klar! Der Pirinçci und der Adolf, da braucht es keine Logik, sondern nur die Herstellung von Evidenz und Zusammenhang (beides Autodidakten), die triumphalistische Geste (da ist er, der neue Adolf!) und eine Mischung aus Brutalität und Heulerei (ich schwöre, ich habe noch nie einen Hitler-Vergleich gezogen in meinem Berufsleben). Niemand kann das besser als der Ijoma Mangold.

Das also kommt dabei heraus, wenn Leichtmatrosen auf ihrem Sonnendeck seekrank werden. Der Besatzung des schönen glitzernden Schiffes tut etwas Seegang ganz offensichtlich nicht gut und so verwechseln sie in ihrem an Halluzinationen reichen Leben einen ehemaligen Türken mit ihrem neuen Führer.

So sei ihnen ihr Glück gegönnt: er ist wieder da