Mehr als Hitler geht immer

Presseschau von Verlagsleiter Andreas Lombard

Wenigstens der Stern hat verstanden, warum Deutschland von Sinnen abgeht wie eine Rakete – oder sagen wir, »wie ein heißes Messer durch weiche Butter schneidet« (O-Ton Pirinçci) –, warum die ersten Käufer sich sofort mit dem Buch fotografierten und das Ergebnis
stolz über facebook verbreiteten, warum ein vom Autor signiertes Exemplar von Deutschland von Sinnen auf amazon für 79 Euro prompt einen Käufer findet, kurz, warum peinlich viele Leute nicht nur auf Thilo Sarrazin gewartet haben, sondern eben auch auf Akif Pirinçci. Und warum? Der Grund ist: »Man kann sich gruseln, erschrecken, voller Scham abwenden – und auch mal klammheimlich lachen, wenn Pirinçci mit seinem Hackebeilchen auf Verhältnisse eindrischt, die tatsächlich übel sind.« Das schreibt Stefan Schmitz im neuen Stern und zwar in einem – wie es dieser Tage häufiger vorkommt – oberflächlich als Verriß getarnten Loblied, in dem auch der Geifer ins Komische kippt: »Dieser stinkende Stoff ist heiß begehrt.«

Wenig amüsiert gab sich heute der Berliner Tagesspiegel, der da glaubte, den im Umlauf befindlichen Hitler-Vergleich mit einem Breivik-Vergleich überbieten zu müssen. Was nur bewies, daß die journalistischen Urheber sich in ihren eigenen Genres nicht auskennen und offenbar noch nie etwas von Gonzo-Journalismus gehört haben. Ist ja auch nicht schlimm, denn im Dienste des hohen Erregungslevels ist der Verlag der Ansicht, daß es so etwas in den USA ruhig geben darf, daß es aber auch seine Vorteile hat, wenn bei uns die Dinge etwas ernster genommen werden, wobei Pirinçci übrigens ein erklärter Amerikafreund ist. Das Ärgerliche, so der Tagesspiegel, sei Pirinçcis Verzicht auf den »Puderzucker bürgerlicher Konvention« (richtig, Pirinçci ist weder Wut- noch Haßbürger, sondern ein politisch changierender Bohemien). Pirinçci, heißt es da, sei »ein Sarrazin im RTL-2-Format, ohne Statistiken, Fremdwörter, Nebensätze« (stimmt zwar nicht, ist aber trotzdem gute Werbung), der »fluchend, pöbelnd, hemdsärmelig, rachsüchtig« den hungrigen Massen »rohes Fastfood« zuwerfe. Klar, daß der Tagesspiegel vor lauter Engagement seiner beiden Autoren nicht mehr die Zeit fand, zwischen Verlagsleiter und Mitherausgeber zu unterscheiden.

Wir dagegen fragten uns natürlich, welche Steigerung nach der Breivik-Pirinçci-Verlötung denn noch kommen soll, und wurden prompt bei der taz fündig, die sich mittlerweile stündlich mit ausgesucht unterhaltsamen Pirinçciana zu Wort meldet. Die schlaue taz hat nämlich als einziges Medium unser verlegerisches Geschäftsgeheimnis gelüftet und sehr lustig über Thilo Lutschmann berichtet, den Schöpfer des Pirinçci-Code, dank dessen »Hirnsturm«-Software (»Opferapp mit Heulsusentuon«) Manuscriptum selbstverständlich auch Pirinçcis »Hass-und-Angst-Buch« automatisch generiert hat. So richtig rund scheint die Sache aber noch nicht zu laufen, wenn die taz beklagt, daß Liebe und Haß bei Pirinçci derart unkorrekt durcheinandergehen, daß er »in alle Richtungen« hassen könne »und sich selbst gleich mit«.

Im Unterschied zur taz versteht allerdings Die Zeit einfach nur Bahnhof und will doch tatsächlich die unzähligen Pirinçci-Fans unter ihren Leserbriefschreibern befragen, um zu erfahren, was da draußen in Deutschland eigentlich los ist. Da das Ergebnis noch nicht vorliegt und womöglich unter Verschluß bleiben muß, hob das Hamburger Organ einstweilen das Thema seiner vorgestrigen online-Ausgabe ins gedruckte Blatt. So gab Die Zeit zum zweiten Mal ihr trauriges Denunziations-Spiel zum Besten, das darin bestand, mit geheucheltem Entsetzen die Firma Manufactum und sogar die Otto Group erfolgreich zum Mitheucheln zu nötigen, und dies unter der etwas abgenutzten Überschrift »Die Rechten und ihre guten Dinge«. Um einiges entspannter ging Harald Jähner in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau an das Phänomen Pirinçci heran. Jähner beschrieb Pirinçci (»Ekel Akif«) als einen cholerischen Taxifahrer, der sich mit »Gehupe, Gefluche und gewagten Überholmanövern« durch die deutsche Gegenwart bahne und dessen Fahrgast man besser nicht wäre.

Wer lieber auf den Stadtplan guckt, statt sich in verwinkelten Gassen zu verfahren, werfe einen Blick in die Wiener Presse. Ihrem Autor Christian Ortner ist aufgefallen, daß es sich bei der Begeisterung für gegen den Strom gebürstete Texte um ein Symptom handelt: »für die gewaltige Diskrepanz zwischen der Welt, wie die Mehrheit der Menschen sie wahrnimmt, und der Welt, wie sie von vielen Meinungsmachern wahrgenommen wird. (…) Da tut sich einfach ein Abgrund auf, den einer wie Pirinçci vorzüglich bewirtschaften kann.« Pirincci breche mit der »nonchalanten Missachtung des Lesers und seiner Lebenswelt«. Ähnlich freundlich sieht Jan Fleischhauer auf Spiegel online die Sache: »Kaum etwas ist unterhaltsamer als eine phantasievoll vorgetragene Invektive.« Auch die Aufregung um Manufactum kann er nicht verstehen: »Genau gesehen passt Pirinçci gar nicht in diese Welt zwischen Kräutergarten und Heimwerkertümelei. Dazu ist er viel zu irre und, man mag es kaum schreiben: zu kosmopolitisch.«

Die Wahrheit ist eben immer einfach, aber nicht für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sie schwieg nach ihrer diskurstheoretischen Luftnummer von Sonntag auch heute wieder beharrlich. Vielleicht wartet der zuständige Herausgeber erst einmal ab, wie sich sein Freund Kai Diekmann positioniert, anders gesagt, wie die Bild-Zeitung ihre am vergangenen Sonntag gestellte Frage beantwortet, nämlich, ob Akif Pirinçci irre oder mutig, genial oder gefährlich ist. – Auch wir sind gespannt.